Wissenschaftsjournalist Frick

Texte über Forschung, Wissenschaft und Technik

Juni 20, 2018
von FrankFrick
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Ein Paradies für Gamer

Willkommen in der virtuellen Welt: Experten des Jülich Supercomputer Centre ermöglichen es, dass man in die Ergebnisse von wissenschaftlichen Simulationen eintauchen kann wie in die virtuelle 3D-Umgebung eines Computerspiels.

Für manchen Computerspieler käme es dem Paradies wohl recht nahe: das Büro von Jens Henrik Göbbert. Dort steht die perfekte Grundausstattung für Virtual Reality (VR): vom leistungsstarken Computer über eine moderne VR-Brille bis hin zum stabförmigen Steuerungsgerät, dem Controller – kurzum die nächste Stufe auf dem Spielemarkt, in der die Spieler nahezu lebensechte Welten erkunden. Wer Göbbert besucht, darf sich die klobige Brille aufsetzen, den Controller in die Hand nehmen und in eine andere Sphäre eintauchen: Ein Schritt nach vorne im Büro ist ein Schritt vorwärts in einem Kosmos voller glitzernder kleiner Tröpfchen. Dreht Göbberts Besucher den Kopf nach links, sieht er einen silbrigen Flüssigkeitsstrahl. Ein Knopfdruck auf dem Controller und schon zoomt der Strahl heran. Computerspiel-Entspannung für Wissenschaftler und Gäste des Forschungszentrums?

Selbstverständlich nicht. Göbbert gehört zum Team „Visualisierung“ des Jülich Supercomputer Centre (JSC). Er arbeitet daran, wissenschaftliche Simulationen sichtbar zu machen. Forscher aus unterschiedlichen Fachgebieten wenden sich an ihn, um ihre Ergebnisse zu visualisieren oder sie in der virtuellen Realität genauer zu analysieren. Bei den Tröpfchen und der Flüssigkeit handelt es sich beispielsweise um Kraftstoff, den eine Düse in den Motor einspritzt. Diesen Prozess wollen Forscher des Instituts für Technische Verbrennung der RWTH Aachen verbessern.  Eine Herausforderung sind etwa die gigantischen Datenberge, die bei der Simulation des Einspritzvorgangs anfallen. Göbbert und seine Kollegen arbeiten an Methoden, die die Daten für die jeweilige Visualisierung direkt aus der Simulation herausziehen: Die Bilder oder die VR-Welt sollen künftig „live“ entstehen, während der Supercomputer rechnet,– ohne dass die Daten wie sonst üblich zuvor gespeichert wurden.

Neugierig geworden? Mehr finden Sie in der elektronischen Ausgabe der effzett 1-2018.

Alternativ können Sie die Printversion des Magazin aus dem Forschungszentrum Jülich hier herunterladen

Februar 16, 2018
von FrankFrick
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Energiespeicher-Pläne im Ruhrgebiet

Der Journalist Frank Frick hat die Texte des Schwerpunkts „Zeitenwende im Ruhrgebiet“ in der Februarausgabe von „Deutschlands erstem Wissenschaftsmagazin“ geschrieben.  Er berichtet darin etwa über den ehrgeizigen Plan, nach dem Aus der letzten Steinkohle-Zeche im Ruhrgebiet auf deren Gelände ein unterirdisches Pumpspeicher-Kraftwerk zu errichten. In einem anderen Artikel stellt der Journalist die Wasserstadt Aden vor, die in Bergkamen entsteht. Ihre Bewohner sollen mithilfe von Wasser aus ehemaligen Bergwerken heizen und kühlen.

bild der wissenschaft 2-2018

Hier ein Ausschnitt aus einem der Artikel des Schwerpunktes:

Energie der Marke Prosper-Haniel

Ein Pumpspeicher-Kraftwerk könnte auf dem Gelände eines Bergwerks in Bottrop regenerativ erzeugte Energie speichern.

„Die Chinesen würden gucken – und sie wären beileibe nicht die Einzigen“, ist Ingenieur André Niemann überzeugt, Professor an der Universität Duisburg-Essen. Das Bauwerk, von dem er spricht, wäre tatsächlich weltweit einmalig. Auf den ersten Blick zu erkennen wäre davon allerdings nur ein etwa 100 000 Quadratmeter großer See. Der Rest läge unter der Erde, in Tiefen bis zu 520 Metern.

Der Ort: das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop. Im Dezember 2018 wird mit seiner Schließung die Zeit zu Ende gehen, in der die Bezeichnung Kohlenpott für das Ruhrgebiet einen Sinn ergab. Dann wird der schwarze Energieträger nicht mehr aus der Erde geholt. Und es könnte mit einem Bauwerk begonnen werden, dessen Planung weit fortgeschritten ist. Es würde helfen, das schwankende Angebot an „grünem“ Strom – mithilfe von Wind oder Sonne erzeugt – an den stets schwankenden Strombedarf anzugleichen. Das „Untertage-Pumpspeicherkraftwerk“ wäre ein perfektes Sinnbild für die deutsche Energiewende. Und zugleich stände es für den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Mehr Symbolkraft geht nicht. Was derzeit noch fehlt, um die fertigen Pläne umzusetzen, sind allerdings Investoren.

Zukunft für Strecken und Streben

Die Idee geht auf das Jahr 2010 und ein kleines Team von Umweltwissenschaftlern an der Universität Duisburg-Essen zurück. Nachhaltigkeitsexperte Ulrich Schreiber bedauerte, dass die bergbauliche Infrastruktur – Schächte, Strecken und Streben – nach und nach einfach aufgegeben wurde. Schließlich hätten sie einen perfekten Zugang zur Unterwelt geboten. Als Geologie-Professor dachte Schreiber zunächst daran, diese Infrastruktur zur Nutzung der Erdwärme einzusetzen. Im Gespräch mit den Kollegen vom Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft um André Niemann kamen die Forscher dann auf die Möglichkeit eines unterirdischen Pumpspeicher-Kraftwerks.

Für ein Pumpspeicherkraftwerk braucht man normalerweise zwei Dinge: einen Berg und Wasser. Denn es besteht aus zwei Becken in unterschiedlicher Höhe, verbunden durch Druckrohrleitungen.  Soll elektrischer Strom gespeichert werden, so wird  Wasser vom Untersee in das Oberbecken gepumpt. Wird der Strom benötigt, wird das Wasser bergab zurück ins untere Bassin geleitet. Turbinen und Generatoren verwandeln die Kraft des fallenden Wassers wieder in elektrischen Strom.

Berge – und damit vergleichsweise viele Pumpspeicherkraftwerke – gibt es hierzulande vor allem in Süddeutschland, aber auch in den Nachbarländern Schweiz und Österreich. Für die Oberbecken werden manchmal ganze Berggipfel abgetragen. Oft befinden sich Druckrohre und Maschinen im Inneren eines Berges. Insofern ist der gedankliche Schritt von einem herkömmlichen Pumpspeicherwerk zu einer Anlage in einem Bergwerk nicht sehr groß. Statt Wasser von einer Bergspitze abwärts durch den Berg fließen zu lassen und in ein Talbecken zu leiten, kann man im Prinzip genauso gut Wasser von der Erdoberfläche aus in die Tiefe einer Bergwerksgrube fallen lassen.

Im Original: mehr Text.

1000 Meter Höhendifferenz

Die Schächte in den Bergwerken des Ruhrgebiets reichen in Tiefen bis unter 1000 Meter herab. Zum Vergleich: Die derzeit leistungsstärkste und größte deutsche Pumpspeicher-Anlage Goldisthal (Thüringen) hat eine Fallhöhe von 302 Metern.  Auch die zweite Bedingung für ein Pumpspeicherkraftwerk in einem Bergwerk muss erfüllt sein: viel Wasser. Ständig sickert Regenwasser durch Risse und Klüfte in das Gestein und dringt in die untertägigen Strecken. Dass diese etwa im noch aktiven Bergwerk Prosper-Haniel weitgehend trocken sind und somit überhaupt Steinkohle gefördert werden kann, hat einen einfachen Grund: Es gibt ein Entwässerungssystem mit einem Sammelbecken, aus dem das sogenannte Grubenwasser permanent an die Oberfläche gepumpt wird. Dort wird es über Flüsse abgeleitet.

Reichlich Wasser in Bewegung

Diese „Wasserhaltung“, wie man im Bergbau sagt, ist jedoch nicht auf die letzte aktive Zeche beschränkt. Denn Wasser aus benachbarten stillgelegten Bergwerken würde in die aktive Zeche fließen, weil die Bergwerke des Ruhrgebietes untertage wasserdurchlässig vernetzt sind. Derzeit pumpt die RAG über  60 Millionen Kubikmeter Grubenwasser jährlich an die Oberfläche und leitet es in Lippe, Emscher, Ruhr und Rhein. Mit dieser Menge könnte man ein 50-Meter-Schwimmbecken mehr als 20000 Mal befüllen.

Wenn Prosper-Haniel geschlossen wird, entfällt die Notwendigkeit, die untertägigen Betriebsbereiche trocken zu halten. Trotzdem wird die RAG Grubenwasser aus dem ganzen Ruhrgebiet – belastet mit Salzen und geringen Mengen Chemikalien – an die Oberfläche pumpen, vor allem, um zu verhindern, dass es sich mit sauberem Trinkwasser vermischt. Trinkwasser- und Grundwasservorkommen befinden sich in Gesteinsschichten oberhalb der Hohlräume der Bergwerke, den Grubenbauten. Nach Schließung der Zeche Prosper-Haniel soll das Wasserniveau von 900 auf 600 Meter unter der Oberfläche steigen.

Das heißt: Es gibt ein riesiges Netz aus Wasserwegen tief unter der Erde, bei dem das Wasser vom östlichen Ruhrgebiet in Richtung Rhein ins westliche Revier fließt.  Kurzzeitig haben die Wissenschaftler daran gedacht, dieses Netz zu nutzen: Durch Druckleitungen in Bergwerkschächten ließe sich Wasser aus oberirdischen Gewässern in das unterirdische Grubenwassersystem einleiten. Zusammen mit dem Grubenwasser könnte es dann an einer Pumpstation, die sowieso wegen der Wasserhaltung betrieben werden muss, wieder „gehoben“ werden. wie es im Fachjargon heißt. Das Ergebnis wäre ein System, das einem konventionellen Laufwasserkraftwerk, wie es an vielen Staustufen betrieben wird, ähnlicher ist als einem Pumpspeicher-Kraftwerk. Vorteil der Idee: Man müsste kein spezielles Speicherbecken untertage bauen. Stattdessen würden die untertägigen Hohlräume des Bergwerks genutzt.

Schutz vorm Vermischen

Die Projektpartner prüften, ob dieses Konzept etwa am Standort der damals noch aktiven Zeche Auguste Victoria in Marl anwendbar wäre. Doch der offensichtliche Nachteil des Systems war zu schwerwiegend: Oberflächenwasser und Grubenwasser würden vermischt. Auch die absolute Menge würde steigen. „Das wäre sicher nicht im Sinne des Umwelt- und Gewässerschutzes“, urteilt der Wasserbau-Experte André Niemann.

Im Original: mehr Text.

Ein geschlossenes System

So entschieden sich die Projektpartner bereits 2013, nur noch Konzepte für ein geschlossenes System weiterzuverfolgen, bei dem der Wasserspeicher von den Hohlräumen unter Tage getrennt ist. Als Standort für ein solches Untertage-Pumpspeicherwerk kam nur die Zeche Prosper-Haniel infrage. Denn die Areale der meisten stillgelegten Zechen werden anderweitig genutzt – die Schächte und Strecken sind verfüllt.

Auch am Standort Prosper-Haniel tickt die Uhr: „Wir sind gesetzlich verpflichtet, Bergwerksanlagen zurückzubauen und standsicher zu machen, sodass sie auch aus der staatlichen Aufsicht – der Bergaufsicht – entlassen werden können“, erläutert Ballewski von der RAG. Unter anderem werden dazu üblicherweise Schächte mit Beton vollgegossen. Es wäre für die RAG AG also mit Kosten verbunden, wenn sie die untertägige Infrastruktur nach der Schließung der Zeche längere Zeit für das Pumpspeicher-Projekt intakt halten würde. Deshalb drängt das Unternehmen darauf, dass die Entscheidung über die Zukunft der Zeche bis Ende des Jahres fällt.

Bis dahin müssen Finanziers gefunden werden, die sich aufgrund der weit entwickelten technischen Planung ernsthaft für einen Pumpspeicher interessieren. Der Bau könnte dann sehr schnell beginnen und – so schätzen die Projektpartner – in sechs bis sieben Jahren abgeschlossen sein. Die RAG schließt es aber auch nicht aus, das Bergwerk noch einige Jahre so zu konservieren, dass es sich später für den Pumpspeicher nutzen  lässt – eine Verhandlungssache mit den möglichen Investoren und Betreibern.

Im Original: mehr Text.

Etablierte statt spektakuläre Technik

Die Projektpartner, die inzwischen auch vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützt werden, entschieden sich gegen eine möglichst hohe Fallhöhe und einen unteren Wasserspeicher in einer Tiefe von 1100 Meter. Das würde zwar der Leistung des Pumpspeicherkraftwerks zugutekommen und wäre besonders spektakulär. Doch bei dieser Tiefe würde auch das nachsickernde Wasser aus dem Gebirge starken Druck auf die Anlage und die Hohlräume ausüben. Zudem benötigte man  mehrstufige Pumpturbinen und weitere Spezialtechnik. „Wir wollen aber, dass sich alles mit etablierter Technologie realisieren lässt. Das einzige Neue soll der Standort sein“, erläutert Niemann.

Daher planen die Projektpartner ein Wasserreservoir in Form eines Speicherrings, 450 bis 470 Meter unter der Erdoberfläche. Die Kavernen für die Maschine sollen 500 bis 530 Meter tief in der Erde errichtet werden. Damit befände sich die gesamte Anlage oberhalb des Grubenwasserstandes, den die RAG bei 600 Metern anstrebt. Es müsste also für das Pumpspeicherkraftwerk nicht zusätzlich Grubenwasser entsorgt und nach oben gepumpt werden.

Der geplante Ringspeicher untertage hat eine Länge von 15,5 Kilometern und einen Rohrdurchmesser von 7 Metern. Damit fasst er 575000 Kubikmeter Wasser. Insgesamt könnte das Pumpspeicher-Kraftwerk eine elektrische Leistung von 200 Megawatt bereitstellen – für etwas mehr als vier Stunden, dann wäre das Oberbecken leer. Die Kapazität der Anlage würde somit ausreichen, um den Stromverbrauch von mehr als 80000 Haushalten für einen Tag abzusichern. Zum Vergleich die Zahlen des Pumpspeicherkraftwerks Goldisthal: Es liefert 1050 Megawatt Leistung über rund 8 Stunden.

Druckrohre in den Schächten

Da das Oberbecken, die Kavernen und der Speicherring neu zu bauen sind, stellt sich die Frage, ob ein solcher Untertage-Pumpspeicher nicht auch auf der grünen Wiese entstehen könnte – und die Zeche nur ihre Symbolkraft beisteuert. Das widersprechen die Projektpartner. Zum einen sollen die Schächte 1 und 2 der Zeche verwendet werden – als Druckrohrleitung und zum Ableiten des erzeugten Stroms. Zum zweiten wäre an Standorten ohne Wasserhaltung der im Gebirge herrschende Wasserdruck ein Problem. Und schließlich müsste man die Informationen über die geologischen Verhältnisse im Untergrund anderswo erst aufwendig erkunden, etwa durch teure und langwierige Bohrungen.

Weit entscheidender ist eine andere Frage:  Rechnen sich für die Geldgeber die kalkulierten Investitionen von etwa einer halben Milliarde Euro? Davon sind laut den Kostenrechnungen der Bochumer Experten für Energiesysteme und Energiewirtschaft rund 230 Millionen Euro durch die untertägige Bauweise bedingt. Wäre es da nicht besser, einen konventionellen Pumpspeicher zu bauen?

„Umweltschützer wenden sich nahezu überall dagegen, Pumpspeicher zu bauen, unter anderem, weil sie Pflanzen und Tiere bedroht sehen. Die Bevölkerung vor Ort protestiert ebenfalls meist gegen die Vorhaben“, sagt Hermann-Josef Wagner. „Dagegen erwarten wir, dass ein Untertage-Pumpspeicher hier im Revier auf dem Areal einer ausgedienten Zeche bei der Bevölkerung auf eine breite Akzeptanz trifft.“

Kein Zeichen für Gegenwind

Wagners Erwartung speist sich unter anderem aus einer repräsentativen Befragung, die das Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung 2013 in Oberhausen, Bottrop, Gelsenkirchen, Herne sowie dem Kreis Recklinghausen und Teilen des Kreises Wesel durchgeführt hat. Demnach ist die Bevölkerung dort mehrheitlich positiv gegenüber einem Neubau von Energieanlagen eingestellt, die der Energiewende dienen. Konkret wurde nach Solaranlagen, Windkraftanlagen und Pumpspeicherwerken gefragt. Auch spätere Informationsgespräche der Projektpartner mit Umweltschutz-Verbänden und Städtevertretern lieferten keine Hinweise auf Gegenwind. Das sind ideale Bedingungen für die Projektpartner,  auch auf ein verhältnismäßig einfaches Genehmigungsverfahren hoffen lassen.

 

Februar 4, 2018
von FrankFrick
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Die letzten Tage

„Was geschieht, wenn ein Mensch stirbt?“ Was die Wissenschaft heute weiß und wie die moderne Palliativmedizin dem Tod begegnet – darüber berichtet der Wissenschaftsjournalist Frank Frick in der Januar-Ausgabe 2018 von „bild der wissenschaft“.

Frank Frick gibt Antworten auf die zehn wichtigsten Fragen zum Thema Sterben. Hier zwei Beispiele.

Lassen sich Schmerzen wirkungsvoll bekämpfen?

„Bei weitaus den meisten Patienten lassen sich die Schmerzen soweit lindern, dass sie gut aushaltbar sind“, sagt Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Viele seiner Patienten würden dabei eine Medikamentendosierung bevorzugen, bei denen sie die Schmerzen gut ertragen können, aber Nebenwirkungen wie etwa eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit nicht spüren würden. Dass es auch einzelne Schwerstkranke gibt, deren Schmerzen nicht ausreichend verringert werden können, verschweigt Radbruch nicht.

Insbesondere für Krebskranke, die unter Tumorschmerzen leiden, setzen Palliativmediziner Opioide wie Morphin ein.  Viele Patienten, aber auch manche Ärzte, haben Vorurteile gegenüber diesen Medikamenten. Sie befürchten vor allem, dass Opioide süchtig – abhängig – machen. Das stimmt nicht: So sind etwa nicht immer höhere Dosen notwendig, um die ursprünglich durch niedrige Dosen erreichte Wirkung zu erzielen. Schmerzpatienten verspüren nicht den Zwang, Morphin einzunehmen, um einen bestimmten Bewusstseinszustand zu erreichen. Sie wollen einfach nur ihre Schmerzen loswerden. Oft wird auch angenommen, dass Morphin den Kranken dahindämmern lässt. „Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Sie unter stärksten Schmerzen leiden, sind Sie eher durch die unerträglichen Dauerschmerzen benebelt und nur darauf fixiert“, so Sven Gottschling, Palliativmediziner und Chefarzt am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Er wendet sich auch energisch gegen den Irrglauben, der Einsatz von Morphin beschleunige den Tod.

Sollten Menschen am Lebensende künstlich ernährt werden?

Palliativmediziner sind sich einig: Es gehört zum Sterbeprozess, wenn Menschen am Lebensende wenig oder gar nicht essen und trinken. Bedeutet: Sie verhungern oder verdursten nicht wie ein eigentlich gesunder Mensch, der nicht an genügend Nahrung oder Wasser kommt. Denn Sterbende haben einfach keinen Hunger und er quält sie somit auch nicht. Und wenn Menschen während ihrer schwerwiegenden Erkrankung leicht austrocknen, so steigt ihr Durstgefühl nicht an. „Wir wissen, dass diese leichte Austrocknung weder für den Betreffenden schmerzhaft ist, noch dass sich dadurch anderweitige leidvolle Symptome einstellen“, so der Homburger Professor Sven Gottschling. Wenn Sterbenskranke ein Durstgefühl haben, so ändert es sich nicht mit der Menge zugeführter Flüssigkeit. Pflegende können es stillen, indem sie die Mundschleimhäute des Sterbenden befeuchten.

Sein Kollege Gian Domenica Borasio sieht sogar Vorteile in einer verringerten Flüssigkeitszufuhr am Lebensende: „Insgesamt scheint das Sterben in einem Zustand des leichten Wassermangels die physiologisch für den Körper am wenigsten belastende Form des Sterbeprozesses darzustellen.“ Einer der Gründe: Wenn Sterbenskranke relativ wenig Flüssigkeit zu sich nehmen, so sinkt auch das Risiko, dass sich in Gewebe, Lunge oder Bauch Wasser ansammelt.

Vergleichsstudien zeigen mehrheitlich, dass Krebspatienten in den letzten Lebenswochen nicht von einer künstlichen Flüssigkeitszufuhr profitieren. Sie haben genauso wenig Durst, ihnen ist genauso häufig übel und bei ihnen kommt es genauso zu Verwirrtheitszuständen wie bei Krebspatienten, denen keine Flüssigkeit zugeführt wurde. „Nach sorgfältiger Abwägung im Einzelfall sollten künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr bei Sterbenden nicht gegeben werden“, folgert daher auch die Palliativmedizin-Leitlinie für Krebspatienten. Die durchschnittliche Lebenszeit verringert sich durch künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr ebenfalls nicht – auch nicht bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz, die nicht mehr selbsttätig schlucken. Einer niederländischen Studie mit 178 Teilnehmern zufolge nahmen die belastenden Beschwerden von dementen Pflegebewohnern sogar ab, nachdem entschieden wurde, auf künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr zu verzichten.

Januar 28, 2018
von FrankFrick
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Frank Fricks wissenschaftliche Beiträge für die Chemie

Dass der Wissenschaftsjournalist Frank Frick im Chemie-Labor gestanden hat, ist schon eine ganze Weile her. Damals gab es das Internet zwar schon, aber nur sehr wenige nutzten es – und zur wissenschaftlichen Recherche ging man (noch) in die Bibliothek. Als „Forscher“ sei er im heutigen Internet ein unbeschriebenes Blatt, dachte Frank Frick daher. Umso erstaunter stellte er jetzt fest, dass ein Internet-Portal alle seine „alten“ wissenschaftlichen Veröffentlichungen sauber auflistet und so ein Forscher-Profil von ihm angelegt hat.

Exemplarischer „wissenschaftlicher Beitrag“ Frank Fricks zur Chemie

 

September 29, 2017
von FrankFrick
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Jahresbericht kommt an

„Wundervoll klar“, „gut verfasst“ und „schlüssig aufeinander abgestimmt“ – so lauten einige der Rückmeldungen auf den Jahresbericht des Forschungszentrums Jülich. Viele der Texte hat  der Wissenschaftsjournalist Frank Frick geschrieben.  Seine Texte handeln von Forschung auf sehr unterschiedlichen Gebieten:  Computersimulationen, Materialien, Quantenphysik, Photovoltaik, Batterien, Umwelt und Klima, Biotechnologie und Medizin. Ihm kommt dabei zugute, dass er journalistisch in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zu Hause ist. „Sehr große Nähe zu einer einzigen Fachrichtung birgt die Gefahr, sich von den Lebenswelten der Leser zu entfernen. Andererseits darf der Abstand zu der jeweiligen Disziplin auch nicht zu groß sein. Dann leidet das eigene Verständnis darunter und es können nicht mehr die richtigen Fragen gestellt werden“, begründet Frick seine Ausrichtung.

Blick auf die ersten zwei Seiten der Chronik im Jahresbericht 2016 des Forschungszentrums Jülich

Klein, aber oho

In diesem Blog weist der Wissenschaftsjournalist gerne auf die „größeren Stücke“ hin – so etwa auch schon bei dem Jülicher Bericht des Vorjahres. Doch auch die kürzeren und kurzen Texte erfordern einen professionellen Umgang mit dem journalistischen Handwerkszeug. Schauen Sie sich also ruhig auch einmal die Chronik auf den Seiten 8 bis 14 an, wenn Sie sich die PDF-Version des Jahresberichts 2016 unter diesem Link herunterladen. Das – ebenfalls häufig gelobte – Layout der Jahresberichts stammt übrigens erneut von der Agentur Seitenplan.

August 30, 2017
von FrankFrick
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Persönliche Buchempfehlung

Der Wissenschaftsjournalist Frank Frick hat für die September-Ausgabe 2017 der Zeitschrift „bild der wissenschaft“ das Buch „Patient ohne Verfügung“ rezensiert. Er findet, es hat viele Leser verdient. Auch ihm selbst hat es bei einer Gewissensfrage geholfen.

Die Rezension ist auch hier zu finden.

Mit allen verfügbaren Mitteln

Immer wieder werden in deutschen Krankenhäusern Patienten nutzlos therapiert. Der Mediziner Matthias Thöns untersucht, was dahinter steckt und sagt, was man dagegen tun kann.

Todkranke Krebspatienten und hochbetagte Herz- oder Nierenkranke, die mit nutzlosen Therapien gequält werden – der Narkose- und Palliativmediziner Matthias Thöns hat Erschütterndes zu berichten. „Insbesondere interessieren mich vergleichbare Erlebnisse in Ihrer Familie“, schreibt er auf der letzten Seite.

Erlauben Sie es mir, dem Rezensenten, folgende Geschichte beizusteuern: Meine 91-jährige, stark demente Mutter konnte sich nicht mehr verständlich äußern. Seit einem Jahr erkannte sie mich nicht. Eines Tages rief das Seniorenheim an: Meine Mutter verweigere Essen und Trinken. Nährinfusionen halfen nicht: Sie lag apathisch im Bett, stöhnte. Sollte sie ins Krankenhaus gebracht werden, um sie mit einer Magensonde künstlich zu ernähren? Eine hinzugezogene Ärztin riet ab: Das Krankenhaus würde ­– trotz anderslautender Patientenverfügung – meine Mutter mit allen verfügbaren Mitteln behandeln.

Auch Thöns hat diese Erfahrung gemacht. Und erklärt das vor allem mit finanziellen Motiven. So beziffert er in vielen Fußnoten, welchen Geldbetrag die Kliniken für die jeweilige Therapie bekommen.

Ich folgte dem Rat der Ärztin. Daraufhin sagte eine Pflegerin: „Wir können Ihre Mutter doch nicht einfach verhungern und verdursten lassen.“ Welcher Druck auf die Angehörigen ausgeübt wird – auch davon handelt Thöns`Buch. Die Lektüre hat mein Gewissen beruhigt. Denn der Mediziner stellt klar, dass Magensonden peinigen und das Leben nicht verlängern – es sei denn, die künstliche Ernährung geschieht wegen eines defekten Speisewegs. Die Menschen sterben eben nicht, weil sie nicht essen, sondern sie essen nicht, weil sie sterben.

Genauso wie Magensonden können Strahlen- und Chemotherapie, Dialyse oder Herzkatheder-OP sich zu einem Instrument des „Sterbeverlängerungskartells“ (Thöns) wandeln. Der Arzt schildert jedoch nicht nur das Schicksal der leidenden Menschen und die Gründe für Übertherapie. Er zeigt auch auf, wie man individuell und gesellschaftlich gegensteuern kann. Ein sehr lesenswertes Buch zu einem elementaren Thema, das oft verdrängt wird.

„Psychopillen“, speziell Antidepressiva, sind das Thema einer weitere Rezension für „bild der wissenschaft“. Klicke hier.

Mai 23, 2017
von FrankFrick
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Titelgeschichte im Forschungsmagazin effzett

Das Magazin einer Forschungseinrichtung hebt ein „Lob der Langsamkeit“ auf die Titelseite. Mutig! Schließlich erwarten Politik, Medien und Gesellschaft von Forschung meist schnellen Fortschritt. Der Wissenschaftsjournalist Frank Frick hat die ungewöhnliche Geschichte im Auftrag des Forschungszentrums Jülich geschrieben. Das Forschungsmagazins „effzett“ erscheint als Printausgabe und im PDF-Format, aber auch als Webmagazin. Letzteres ermöglicht es Ihnen als eiligem Leser, mit einem Klick in die schön illustrierte Titelgeschichte hineinzuspringen – und zu erfahren, warum Wissenschaft oft Zeit braucht, um zu gelingen.

 

April 22, 2017
von FrankFrick
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Sprüche für die Wissenschaft

Als Texter schätzt Frank Frick ungewöhnliche Sprüche, Slogans und Aphorismen. Fußballer sind eine nie versiegende Quelle dafür (siehe etwa in den Büchern von Arnd Zeigler). Sie äußern – manchmal  unfreiwillig – zwar manche Erkenntnisse. Um Wissenschaft und Wissenschaftsvermittlung geht es dabei aber eher selten. Daher hat sich Frank Frick gefreut, anlässlich des heutigen March for Science einige Weisheiten gesichtet zu haben. Besonders beeindruckt hat ihn eine, die im Kleingedruckten eines Zettels versteckt war, der bei der Demo auslag: „Glauben Sie keinen einfachen Erklärungen. Die Welt ist kompliziert, gerade deshalb ist sie schön.“ Die Kollegen der Wissenschaftspressekonferenz (WPK) waren mit einem Schild vertreten: „Zu Fakten gibt es keine Alternative“. Zu den offiziellen Slogans gehörte: „Forschen statt Faken“.  Auf der Fotostrecke der March-of-Science-Seite entdeckt: „Die Welt ist wie sie ist, statt wie sie uns gefällt.“ Auf dem handgemalten Schild eines Teilnehmers in Bonn stand: „Hömopathie ist heilbar.“

Demo für die Wissenschaft, Bonn, 22.4.17

April 8, 2017
von FrankFrick
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Warum braucht die Welt Wissenschaft und Forschung?

Das Science Media Center Germany hat anlässlich des March for Science am 22.4.2017 Wissenschaftler darum gebeten, in einem einzigen Satz auf diese Frage zu antworten. Ja, Wissenschaftler können auch knapp. Hier Frank Fricks Favoriten.

Die Top-5-Antworten

„Die Welt braucht Wissenschaft und Forschung, weil wir immer wieder von Neuem lernen müssen, unsere Überzeugungen in Frage zu stellen.“  Dr. Barbara Rath, Vienna Vaccine Safety Initiative (ViVI)

„Mit Wissenschaft finden wir Lösungen für ein besseres Morgen und nutzen die Gelegenheit, aus dem Gestern zu lernen.“ Dr. Martin Elsner, Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

„Wissenschaftliche Forschung erarbeitet die Fakten, die verhindern, dass Gutgläubigkeit oder Unwissenheit gegen die Interessen der Öffentlichkeit ausgenutzt werden können.“  Dr. Thomas-Benjamin Seiler, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH)

„Wir benötigen Forschung und Wissenschaft, damit wir unseren Enkelkindern guten Gewissens sagen können, wir hätten alles versucht ihre Lebensumstände zu verbessern und lebenswert zu gestalten.“ Wolfgang Raskob, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

„Das ernsthafte Bemühen, den Dingen auf den Grund zu gehen, erhebt den Menschen; und das wirkliche Verständnis der Zusammenhänge ist seine einzige Überlebenschance.“ PD Dr. Christian Hoppe, Universitätsklinikum Bonn

Noch eine Antwort.

Frank Frick wurde nur von seiner Schwester Gabriele Frick-Baer gefragt, vor vielen Jahren. Sie hat aus dem Gespräch behalten: „Wissenschaft ist eine Weltanschauung.“